Das war ich nicht, das war mein Ego! #4: Die Tücken von Erwartungen

Als ich vor ein paar Wochen eine miserable Mandelentzündung hatte, habe ich einem Freund per SMS erzählt, dass ich krank im Bett liege. Seine Antwort war auf eine vorhergehende Nachricht bezogen und enthielt kein “Gute Besserung.” – Ich war irgendwie sauer. Man kann doch wohl erwarten, dass einem jemand Genesung wünscht?

Ich stolpere über diese und ähnliche Begebenheiten häufiger. Freunde sollen für einen da sein, Kollegen einfach mal alles richtig machen; der nächste Urlaub mit den Girls wird bestimmt legendär, die Yogaklasse bitte extrem anstrengend und das neue Restaurant hoffentlich mal was anderes. Unser ganzes Leben ist mit Erwartungen gepflastert. Und leider ebnen die eher selten den Weg. Ich kenne kaum eine Beziehung oder Freundschaft, in der es Streit gab, weil jemand absichtlich den anderen verletzt hat. Nein: Die primäre Quelle von Enttäuschungen und Konflikten sind Erwartungen und deren nicht-Erfüllung.

“Erwarte genau jetzt nichts!”

Das Problem: Es ist nicht so einfach, wirklich nichts zu erwarten. Nehmen wir mal an, du denkst normalerweise nicht so oft an Papageien. Wenn dir jetzt aber jemand sagen würde “Denk die nächsten zehn Minuten auf keinen Fall an Papageien” – was würde dann passieren? Ungefähr so verhält es sich damit, wenn man versucht, etwas bestimmtes gerade jetzt nicht zu erwarten. Ich kann mir durchaus vornehmen, etwas nicht zu erwarten – beispielsweise einen Abschiedskuss beim Date oder eine Überraschungsparty zu meinem Geburtstag. Leider ist es dann meistens schon zu spät und ich kann jetzt nur noch enttäuscht werden. Mein Ego hat sich aufgebläht und hechelt eifrig nach der Bestätigung der Erwartung (Kuss, Party…) – sie bleibt aus, mein Magen dreht sich um, ich bin traurig. Und das Perfide dabei ist: Niemand kann was dafür, außer mein eigenes Hirn.

Aber woher kommt eine solche Erwartung?

Erwartungen sind die Projektion deiner eigenen Bedürfnisse auf eine Person (oder eine Sache), der du die Verantwortung für deren Erfüllung aufbürdest. Vielleicht fühlst du dich zu unsicher, dein Bedürfnis zu äußern, weil du unterbewusst denkst, du hättest etwas nicht verdient. Das ist aber Quatsch. Mach dich nicht klein – und gib hinterher vor allem nicht anderen die Schuld an deiner Enttäuschung. Die Person, von der du etwas erwartest, weiß davon wahrscheinlich nichts, kann also gar nicht richtig handeln und kann dich nur enttäuschen. Das ist nicht fair und auch nicht das Problem der anderen.

Heißt das jetzt, man kann von niemandem mehr irgendwas erwarten?

Kannst du von Freunden erwarten, dass sie immer für dich da sind und sofort spüren, wenn es dir schlecht geht? Kannst du erwarten, dass der Typ, mit dem du seit einem Monat ab und an eine Nacht verbringst, sich regelmäßig bei dir meldet? Kannst du erwarten, dass dein Yogalehrer dir in der Stunde heute genauso viele Assists gibt wie vorgestern? Nein. Nicht mal, wenn deine Erwartungen vielleicht normalerweise schon erfüllt werden. Das einzige, was du tun kannst, ist: Bedürfnisse kommunizieren und dein Gegenüber bitten, klar zu machen, was er/sie dir geben kann oder will. Manchmal wird er/sie sie nicht erfüllen können oder wollen. Manchmal wird deine klare Kommunikation nicht auf fruchtbaren Boden fallen.

Manchmal wirst auch du die Person sein, die bestimmte Bedürfnisse nicht erfüllen will oder kann. Sicher hast du schon häufig den Druck gespürt, den es bei dir auslöst, wenn deine Eltern sich etwas zu sehr um deine Karriere sorgen oder deine Freunde schon wieder jede Minute von deinem Wochenende durchgeplant haben. Dann mache auch das klar. Ziehe Grenzen. Meine, was du sagst und halte die Zusagen ein, die du machst.

Raum für Zauber

Damit verhinderst du im Übrigen nicht nur Enttäuschungen bei dir und anderen. Du schaffst auch Raum für kleine Wunder! Wer es schafft, ohne Vorurteile, Ansprüche und Bewertungsmuster an Menschen und Erlebnisse heranzugehen, der wird immer wieder überrascht werden. Positiv. Sei spontan, lass dich auf Neues ein, lege nicht so viel Wert auf das, was andere dir vorkauen und überlasse öfter mal deinem Bauch die Entscheidungen. Dann hat dein Gehirn nämlich gar keine Zeit, sich ein Szenario zurecht zu legen, in das dein Leben so garantiert nicht hinein passt.

Klarheit & Vertrauen

Eigentlich interessieren mich Höflichkeitsfloskeln übrigens gar nicht. Meine Verärgerung über die ausbleibenden Genesungswünsche kam daher, dass ich besagten Freund in letzter Zeit zu selten gesehen habe und mir wirklich wünsche, wieder mehr von meinem Leben mit ihm zu teilen. Anstatt ihm das aber zu sagen, habe ich mich echauffiert. Klarer Fall: Ich bin verunsichert und habe Angst davor, auf Zurückweisung zu stoßen. Hier muss mein Ego über seinen Schatten springen. Sich einer Person zu öffnen, ohne etwas zurück zu erwarten, das ist verdammt schwer. Ich habe mich dann mit ihm getroffen. Nur um festzustellen, dass meine Verlustangst in dem Moment verflog, in dem ich mich mit ihm zum Essen hingesetzt habe. Es gibt nämlich etwas, das in jeder Beziehung besser ist als Erwartungshaltungen: Vertrauen.

Dieser Text ist Teil einer Serie, in der ich aus der Beziehungskiste von meinem Ego und mir erzähle. Was bisher geschah, kannst du hier nachlesen.

Titelbild (zugeschnitten) von Astacus via flickr.

3 Kommentare

  1. Hui schöner Artikel! Habe ihn mit voller Aufmerksamkeit gelesen. Top und weiter so!

    Erwartungen sind ein spannendes Thema. Meiner Meinung nach sind menschliche Beziehungen an Rollenerwartungen geknüpft, ohne die du und ich auch gar nicht können. Also brauchen wir meiner Meinung nach Erwartungen, um nicht im Chaos zu versinken.

    Zum Beispiel kann eine Freundschaftsbeziehung daran geknüpft sein, dass man sich gute Besserung wünscht. Muss sie aber nicht. Rollenerwartungen können auch immer neu ausgehandelt werden.

    Ohne Erwartungen gebe es auch keine klaren Rollenabgrenzungen wie bester Freund/Freundin, Affaire, festerFreund/feste Freundin, Nachbar/Nachbarin, Kollege/Kollegin, Yogalehrer/Yogalehrerin.

    Also wir brauchen Erwartungen, können aber offen sein diese neu auszuhandeln.

    So hast des es glaub ich auch gemeint oder?

    • Days of Yoga

      Hi Ann-Kristin,

      ich glaube dass es bei diesen Rollen nicht um Erwartungen geht, sondern um Rollenzuschreibungen und Einordnungen. Klar, die vollziehen wir den ganzen Tag und in jedem Moment. Ich finde es nur echt wichtig, sich im Klaren zu sein dass es das ist: eine Einordnung, die wir vornehmen (weil die Gesellschaft uns das so eingetrichtert hat, beispielsweise). Hast also total recht mit dem „offen sein, sie auszuhandeln“. Was das für mich bezüglich auf Erwartungen an Freunde im Allgemeinen bedeutet: Bei Freunden kann ich „erwarten“ (darauf vertrauen), dass sie nicht schreiend weglaufen wenn ich ihnen gegenüber Bedürfnisse äußere, sondern immer ein offenes Ohr haben. Das heißt aber nicht, dass sie sie immer erfüllen müssen. Grüße, Uli

      • Hallo liebe Uli,

        stimmt! Rollenzuschreibungen sind per se nicht gleich Rollenerwartungen.

        Freu mich auf weitere Unterhaltungen mit deinem Ego :D!

        Liebe Grüße!

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