Was Yoga & Leidenschaft miteinander zu tun haben

…neulich während der Praxis sagte mein Lehrer Moritz Ulrich wir sollten „inbrünstig“ unsere Arme nach vorne strecken in Navasana (Boot). Ich tat es und habe noch nie so viel Arm und so viel Boot gespürt. Am gleichen Tag hat mich ein Kollege gefragt, ob ich denn noch was anderes im Leben mache außer Yoga (mir fiel nicht viel ein). Er legte damit nach, dass er sich auch etwas wünscht, das er mit Leidenschaft verfolgen würde. Das hat sich schon besser angefühlt, brachte mich aber zum Nachdenken.

Nein, dies ist kein Beitrag über Yoga & Sex. Da hat Thomas auch schon ganz gut vorgelegt. Dies ist eine Betrachtung von Leidenschaft aus einem ganz unaufgeregten aber nicht weniger tiefen Blickwinkel.

Im Duden steht, Leidenschaft ist:

  1. sich in emotionalem, vom Verstand nur schwer zu steuerndem Verhalten äußernder Gemütszustand (aus dem heraus etwas erstrebt, begehrt, ein Ziel verfolgt wird)
  2. große Begeisterung, ausgeprägte [auf Genuss ausgerichtete] Neigung, Passion für etwas, was man sich immer wieder zu verschaffen, was man zu besitzen sucht, für eine bestimmte Tätigkeit, der man sich mit Hingabe widmet
  3. sich in starkem Gefühl, in heftigem, ungestümem Besitzverlangen äußernde Zuneigung zu einem Menschen

Es ist also mal wieder eine dieser Gratwanderungen. Ja, ich verfolge Yoga mit Leidenschaft. Vermutlich können viele Yogis das von sich sagen. Den Gemütszustand von Yoga (Einheit) zu verfolgen, die Begeisterung und auch die Wiederholung dieses Zustandes, bis hin zum Andauern – wer möchte das nicht, der es mal erlebt hat. Ich bin auch bereit mich dem mit Hingabe zu widmen. Wer mich schonmal Freitagabend um 18 Uhr treffen wollte, weiß wovon ich rede. Starke Gefühle kenne ich auch. Heftig und ungestüm… ok ich geb’s zu.

Was sagt die Yogaphilosophie über Leidenschaft?

In den Yogasutren von Patanjali wird Abhyasa (Leidenschaft) als „eine ununterbrochene, disziplinierte, hingebungsvolle und wachsame Praxis, die unter göttlicher Führung erfolgt“ beschrieben. (PYS I.14)

Abhyasa – अभ्यास – abhyāsa – setzt sich zusammen aus der Vorsilbe abhi – अभि – abhi – (hin, zu, gegen) und dem Verb as – अस् – (werfen).

Abhyasa bedeutet sich etwas hinzugeben und sich vollkommen einnehmen zu lassen von diesem Unterfangen. Es inbrünstig zu tun.

तत्र स्थितौ यत्नो ऽभ्यासः || PYS I.13 ||
tatra sthitau yatno ‚bhyāsaḥ
Übung (Abhyasa) ist ständige Bemühung um diese (Ruhe des Geistes).

स तु दीर्घकालनैरन्तर्यसत्कारासेवितो दृढभूमिः || PYS I.14 ||
sa tu dīrgha-kāla-nairantarya-satkārāsevito dṛḍha-bhūmiḥ
Sie (die Übung) bekommt ein festes Fundament, wenn sie lange Zeit ohne Unterbrechung und mit aufrichtiger Hingabe ausgeführt wird. (Quelle)

Es geht nicht darum möglichst diszipliniert (und hart) zu sein. Nie zu pausieren. Oder jemanden zu beeindrucken. Es geht darum, dich fallen zu lassen in die Erfahrung. Den Boden nicht zu kennen und trotzdem weiterzumachen. Er könnte verdammt hart sein. Aber: aus eigener Erfahrung kann ich dir sagen, dass es leichter ist für etwas das man liebt um 6 aufzustehen, als um 8 für etwas das dich nicht interessiert.

Verurteilst du Menschen, die etwas mit Leidenschaft verfolgen? Denkst du heimlich „die sind besessen und haben nichts besseres zu tun?“. Jedesmal, wenn mir jemand ungefragt seine Meinung über meine Praxis und meinen Instagram Account mitteilt, frage ich mich welche unausgelebte Leidenschaft, da vielleicht versteckt ist.

Ich denke keinesfalls, jeder sollte Yoga machen. Ist mir völlig egal, ob jemand 0 oder 10 mal pro Woche auf der Matte turnt. Was jeder aber für sich herausfinden kann, ist wo genau diese Leidenschaft liegt.

Was ist es, dem du dich bedingungslos hingeben kannst?

Unter den vielen Must-haves, Must-dos und Places-to-bes geht das schnell verloren. Versteh mich nicht falsch, nur weil es eine Leidenschaft in eine Richtung gibt, heißt das nicht, dass es keine anderen Interessen geben kann.

Um nochmal zurück zum Boot zu kommen, kannst du dir deine Praxis als solches vorstellen. Leidenschaft (Abhyasa) ist das eine Ruder, das andere ist Demut. Das bedeutet nicht durchzudrehen und größenwahnsinnig zu werden, weil man richtig gut stricken/kochen/DJen kann. Wenn beide Ruder zusammen arbeiten, hält man Kurs. Wohin es geht? Das kommt auf den Inhalt deiner Praxis an.

Aber wenn du mich fragst, ist dieses Feuer das entsteht, wenn es etwas gibt für das du brennst ein ausgezeichneter Treibstoff für alles andere. Bio & vegan natürlich.

6 Kommentare

  1. Super Artikel! Als wir zusammen in Rima Rabbaths Klasse waren habe ich dich das erste mal wirklich üben sehen und niemand in diesem überfüllten Raum war mit mehr Leidenschaft dabei als du. Und das ist nicht besessen sondern einfach nur schön.

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